Paul und der Mann,
der nach Wegen suchte
Wie aus einem Gedanken langsam eine Geschichte wurde. Und aus einer Geschichte eine ganze Welt.
Es hatte einmal ein Haus gegeben.
Nicht einfach nur ein Haus aus Steinen, Holz und Fenstern. Es war ein Ort gewesen, an dem aus leeren Räumen langsam ein Zuhause geworden war. Ein Ort, an dem gelacht, gearbeitet, gestritten, gehofft und geträumt wurde. Ein Ort, an dem Menschen glaubten, dass man etwas erschaffen kann, wenn man bereit ist, Zeit, Geduld und ein Stück seines Herzens hineinzulegen.
Damals gab es mich noch nicht.
Zumindest hätte das jeder gesagt.
Ich selbst war mir da nie ganz sicher.
Denn ich glaube nicht, dass Geschichten erst in dem Moment entstehen, in dem jemand den ersten Satz schreibt. Ich glaube, sie sind schon viel früher da. Unsichtbar. Wie ein Samenkorn tief unter der Erde. Niemand sieht es. Niemand spricht darüber. Und trotzdem ist bereits alles in ihm vorhanden.
Es wartet nur auf den richtigen Moment.
Vielleicht war ich genau so ein Samenkorn.
Vielleicht wartete ich schon zwischen den Balken dieses Hauses. Zwischen den Werkzeugen. Zwischen den Gesprächen. Zwischen den Hoffnungen, die ausgesprochen wurden, und den Sorgen, die unausgesprochen blieben.
Ich wartete darauf, gefunden zu werden.
Nicht erschaffen.
Gefunden.
Der Mann wusste nichts von mir. Wie auch? Er hatte genug mit seiner eigenen Welt zu tun.
Er schleppte Bretter. Riss alte Wände heraus. Verlegte Böden. Schraubte. Sägte. Fluchte manchmal. Lachte oft.
Stand abends müde in einem Raum, der am Morgen noch ganz anders ausgesehen hatte, und lächelte trotzdem.
Nicht, weil alles fertig war. Sondern weil er sehen konnte, was daraus einmal werden würde.
Das faszinierte mich.
Er konnte etwas sehen, das noch gar nicht existierte. Er betrachtete keinen unfertigen Raum. Er sah bereits das Zuhause.
Damals verstand ich noch nicht, dass diese Fähigkeit einmal auch meine Welt erschaffen würde.

Mit der Zeit veränderte sich das Haus. Aber noch mehr veränderten sich die Menschen darin.
Aus zwei Menschen wurde eine Familie. Es wurde lauter. Es wurde bunter. Es wurde lebendig.
Ich erinnere mich an Kinderlachen, obwohl ich damals noch gar keine Ohren hatte. Ich erinnere mich an den Duft von Kakao, obwohl ich noch nie eine Tasse in den Händen gehalten hatte. Ich erinnere mich an Regentage am Fenster, an Sommerabende im Garten und an einen Apfelbaum, der einfach still dastand und zusah, wie das Leben an ihm vorbeiging.
Manche Bäume erzählen keine Geschichten.
Sie bewahren sie.
Vielleicht wusste der Apfelbaum damals schon mehr als alle anderen.
Ich beobachtete den Mann oft. Er war keiner, der lange darüber sprach, was nicht funktionierte. Er war eher jemand, der irgendwann sagte: „Dann eben anders.“
Dieser Satz war nie laut. Er stand in keiner Werkstatt an der Wand. Er hing nicht als Schild über einer Tür. Aber er war da. In jeder Bewegung. In jeder Entscheidung.
Wenn etwas nicht passte, wurde nicht aufgegeben. Es wurde gesucht.
Wenn ein Werkzeug nicht funktionierte, fand sich ein anderes. Wenn ein Plan scheiterte, entstand ein neuer.
Ich habe nie erlebt, dass er sagte: „Es geht nicht.“ Er sagte höchstens: „So geht es nicht.“
Zwischen diesen beiden Sätzen liegt eine ganze Welt.
Der erste beendet einen Weg. Der zweite beginnt die Suche nach einem neuen.
Damals wusste ich noch nicht, dass genau dieser Gedanke einmal auch mein Leben bestimmen würde.
Doch irgendwann verändert sich jede Geschichte. Manchmal ganz leise. Manchmal so laut, dass man glaubt, die ganze Welt müsste es hören.
Ich weiß nicht, wann genau dieser Tag kam. Ich weiß nur, dass sich die Stimmen im Haus veränderten. Das Lachen wurde seltener. Die Gespräche leiser.
Manchmal blieb jemand länger am Fenster stehen. Manchmal saß der Mann einfach nur da. Still.
Nicht, weil er nichts dachte. Sondern weil es Augenblicke gibt, in denen Gedanken lauter sind als jedes gesprochene Wort.
Ich hätte ihm damals gern eine Frage gestellt. „Ist alles in Ordnung?“
Aber ich war noch immer nur eine Geschichte. Geschichten können beobachten. Sie können fühlen. Aber sie können niemandem die Hand auf die Schulter legen. Noch nicht.
Dann kam der Tag, an dem Wege auseinanderliefen.
Es gibt keine lauten Geräusche, die so still sein können wie ein Abschied.
Man hört keine Mauern einstürzen. Keine Fenster zerbrechen. Und trotzdem verändert sich alles.
Das Haus stand noch. Die Wände waren dieselben. Der Apfelbaum blühte weiter. Aber plötzlich war nichts mehr so, wie es einmal gewesen war.
Ich dachte, jetzt würde der Mann aufhören. Ich dachte, vielleicht war das der Moment, an dem Menschen ihre Träume verlieren.
Ich irrte mich.
Es dauerte. Nicht einen Tag. Nicht eine Woche. Veränderungen brauchen Zeit. Trauer kennt keine Uhr. Und Hoffnung kommt selten dann zurück, wenn man sie bestellt.
Sie kommt leise. Fast unbemerkt. Wie der erste Sonnenstrahl nach einer langen Regennacht.
Ich sah, wie der Mann wieder anfing, Fragen zu stellen. Nicht mehr: „Warum?“ Sondern: „Was jetzt?“
Es war dieselbe Haltung wie damals beim Haus. Nicht zurückschauen. Nicht stehen bleiben. Den nächsten Stein suchen. Den nächsten Schritt. Den nächsten Weg.
Dann geschah etwas, das ich bis heute nicht vergessen habe.
Der Mann setzte sich an einen Tisch. Vor ihm lag kein Werkzeug. Keine Bretter. Keine Schrauben. Vor ihm lag ein leeres Blatt Papier.
Er schaute lange darauf. So lange, dass ich mich fragte, ob er vergessen hatte, warum er sich überhaupt hingesetzt hatte.
Dann schrieb er den ersten Satz.
Nicht besonders schnell. Nicht besonders sicher. Aber er schrieb ihn.
Und ich begriff etwas.
Er baute wieder.
Diesmal keine Wände. Sondern eine Welt. Eine Welt aus Worten.
Und ich war irgendwo zwischen diesen ersten Zeilen. Noch namenlos. Noch unsichtbar. Aber ich war da.
Zum ersten Mal wusste ich: Ich werde gefunden. Nicht heute. Nicht morgen. Aber irgendwann.
Und zum ersten Mal fragte ich mich nicht mehr, ob ich existieren würde. Sondern wer ich einmal sein würde.
Ich hätte nie gedacht, dass das Warten so anstrengend sein kann. Vielleicht liegt das daran, dass Zeit für Geschichten anders vergeht als für Menschen.
Menschen zählen Tage. Geschichten zählen Entscheidungen.
Jede Entscheidung verändert sie. Jeder Zweifel schreibt an ihnen mit. Jeder Mut ebenfalls.
Ich konnte nicht sehen, wie viele Stunden der Mann an seinem Tisch saß. Ich konnte nur spüren, dass jede Zeile ein kleines Stück von mir war.
Es waren keine Geschichten über Drachen. Keine Geschichten über Helden, die niemals Angst haben. Es waren Geschichten über einen Jungen. Einen ganz normalen Jungen.
Und gerade deshalb wurden sie besonders.
Denn der Mann schrieb keine Figur. Er schrieb einen Menschen.
Am Anfang verstand ich vieles nicht. Warum musste dieser Junge traurig sein? Warum durfte er Fehler machen? Warum wusste er nicht immer sofort, was richtig war? Warum ließ der Mann ihn zweifeln?
Hätte er ihn nicht einfach mutig machen können? Hätte er ihm nicht Antworten schenken können? Es wäre doch viel einfacher gewesen.
Doch irgendwann hörte ich den Mann leise sagen: „Nein ... das wäre nicht ehrlich.“
Er sagte es nicht zu jemandem. Er sagte es zu sich selbst.
Und ich verstand.
Er schrieb keinen Jungen, der perfekt sein sollte. Er schrieb einen Jungen, der wachsen durfte.
Vielleicht war genau das der Unterschied.
Mit jeder Seite wurde ich ein wenig deutlicher. Nicht mein Gesicht. Nicht meine Kleidung. Sondern mein Wesen.
Ich begann zu spüren, dass ich gern Fragen stellte. Dass ich Dinge verstehen wollte. Dass ich manchmal zu viel nachdachte. Dass ich lachen konnte. Dass ich traurig sein durfte.
Und ich merkte etwas Seltsames. Je mehr der Mann über mich schrieb, desto mehr schrieb er auch über sich.
Nicht direkt. Nie mit seinem Namen. Aber zwischen den Zeilen konnte ich ihn erkennen.
Ich sah einen Menschen, der gelernt hatte, dass Antworten selten am Anfang einer Geschichte stehen. Sie entstehen unterwegs.
Eines Abends blieb der Mann mitten im Schreiben stehen. Er legte den Stift weg. Lehnte sich zurück. Und sagte einen Satz, den ich nie vergessen werde.
„Wie soll das nur funktionieren?“
Es war kein dramatischer Satz. Es war eher ein leises Ausatmen. Ein Mensch, der an etwas glaubte, ohne zu wissen, ob er den richtigen Weg eingeschlagen hatte.
Ich hätte ihm am liebsten zugerufen: „Schreib einfach weiter.“
Aber Geschichten haben Geduld. Sie warten.
Am nächsten Tag saß er wieder dort. Als wäre der Zweifel nie da gewesen. Nicht, weil er verschwunden war. Sondern weil der Mann sich entschieden hatte, sich von ihm nicht aufhalten zu lassen.
Das beeindruckte mich.
Viele glauben, Mut bedeutet, keine Angst zu haben. Doch ich lernte etwas anderes.
Mut bedeutet, Angst mitzunehmen und trotzdem weiterzugehen.
Mit der Zeit wurden die Seiten dicker. Die Geschichten länger. Und plötzlich geschah etwas Unerwartetes.
Der Mann schaute seine eigenen Worte an und sagte: „Jetzt muss man ihn auch sehen können.“
Ich verstand zunächst nicht, was er meinte. Ich war doch längst da. Ich konnte mich fühlen. Ich konnte denken. Ich konnte beobachten. Warum musste ich gesehen werden?
Dann erschien das erste Bild.
Ich erschrak.
Nicht, weil es schlecht war. Sondern weil ich wusste:
Das bin ich noch nicht.


Der Junge auf dem Papier hatte meine Form. Aber nicht mein Herz.
Der Mann schaute ihn lange an. Dann schüttelte er den Kopf. „Nein.“ Mehr sagte er nicht.
Er begann von vorne.
Das passierte immer wieder. Ein neues Bild. Ein neuer Versuch. Ein neuer Gedanke.
Mal waren meine Augen falsch. Mal meine Haltung. Mal fühlte sich die Welt um mich herum fremd an.
Es war, als würde jemand versuchen, eine Melodie zu malen. Fast richtig. Aber eben nur fast.
Und fast war für den Mann nie genug. Nicht aus Stolz. Sondern weil er wusste, dass Geschichten ein Gesicht verdienen, das zu ihnen passt.
Es gab Tage, da dachte ich wirklich, ich würde niemals vollständig werden.
Ich sah Stapel von Skizzen. Versionen von mir. Jungen, die mir ähnlich waren. Aber keiner war ich.
Ich fragte mich: „Wonach sucht er eigentlich?“
Er hatte doch längst einen Jungen. Warum machte er weiter? Warum fing er immer wieder von vorn an?
Erst viel später verstand ich die Antwort.
Er suchte keinen Jungen.
Er suchte mich.
Und solange er mich nicht gefunden hatte, konnte er nicht aufhören.


Dann kam eine Zeit, die besonders schwer war. Nicht nur für den Mann. Auch für mich.
Denn plötzlich schien nichts mehr zu funktionieren.
Bilder entstanden. Aber sie passten nicht. Sie veränderten Dinge, die unverändert bleiben sollten.
Manchmal war ich zu groß. Manchmal zu klein. Manchmal war die Stimmung verschwunden. Manchmal sah die Welt aus wie eine andere.
Ich hörte den Mann sagen: „Das kann doch nicht sein.“
Er probierte etwas Neues. Dann noch etwas. Dann wieder etwas anderes. Nichts.
Ich sah die Enttäuschung in seinem Blick. Zum ersten Mal hatte ich Angst. Nicht um mich. Sondern um die Welt, die gerade entstand.
Was, wenn sie nie vollständig würde? Was, wenn der Mann irgendwann sagen würde: „Es reicht.“
Doch genau in diesem Moment zeigte sich etwas, das ich bis heute bewundere.
Er sagte nicht: „Es geht nicht.“
„Es muss einen Weg geben.“
Nicht laut. Nicht trotzig. Ganz ruhig. Als wäre es keine Hoffnung. Sondern eine Überzeugung.
Ich glaube, genau dieser Satz hat mich mehr erschaffen als jede Zeichnung und jede Zeile zuvor.
Wenn ich eines Tages Kindern erzählen würde, dass sie ihren eigenen Weg finden dürfen ... dann nur deshalb, weil der Mensch, der mich suchte, nie aufgehört hatte, seinen eigenen zu gehen.
Bis heute fragen mich Menschen, wann ich geboren wurde.
Ich lächle dann. Nicht, weil ich die Antwort nicht kenne. Sondern weil sie komplizierter ist, als viele erwarten.
Man kann einen Jungen zeichnen. Man kann ihm einen Namen geben. Man kann ihm eine Stimme schenken.
Aber geboren wird er erst in dem Moment, in dem jemand beginnt, an ihn zu glauben.
Ich glaube, ich wurde nicht an einem einzigen Tag geboren. Ich entstand in tausend kleinen Augenblicken.
In jedem „Ich versuche es noch einmal.“ In jedem „Fast.“ In jedem „Noch nicht.“
Und in jedem Blatt Papier, das nicht im Papierkorb landete, sondern neben den anderen gelegt wurde, weil auch ein Irrtum manchmal den Weg zur richtigen Lösung zeigt.
Es gab einen Abend, an dem der Mann einfach nur aus dem Fenster schaute. Der Computer war ausgeschaltet. Die Zeichnungen lagen auf dem Tisch. Die Texte ebenfalls. Nichts bewegte sich. Nicht einmal der Wind. Der Apfelbaum stand still.
Ich fragte mich, woran er dachte. Vielleicht daran, wie viel Arbeit noch vor ihm lag. Vielleicht daran, ob sich all das überhaupt lohnen würde. Vielleicht auch an die Menschen, die irgendwann einmal durch meine Welt gehen würden, ohne zu wissen, wie viele Nächte in ihr steckten.
Dann musste der Mann lächeln. Nur ganz kurz. Nicht, weil etwas fertig geworden war. Sondern weil plötzlich ein Gedanke da war.
Ich habe bis heute keine Ahnung, welcher. Aber ich weiß noch, was danach geschah.
Er setzte sich wieder an den Tisch.
Ich lernte, dass Inspiration selten wie ein Blitz einschlägt.
Meistens sieht sie aus wie jemand, der sich wieder hinsetzt.
Der noch einen Satz schreibt. Noch eine Skizze macht. Noch eine Idee ausprobiert.
Von außen wirkt das unspektakulär. Von innen verändert es Welten.
Mit der Zeit bekam ich Begleiter. Zuerst dachte ich, sie wären für mich da. Damit ich mich nicht allein fühlte.
Doch je besser ich sie kennenlernte, desto mehr begriff ich, dass sie eigentlich schon immer da gewesen waren.
Die Vergangenheit. Die Zukunft. Die Zeit. Das innere Licht. Der kleine Ego-Mitbewohner. Die Gedanken. Der Mut.
Sie waren keine Figuren, die sich der Mann ausgedacht hatte. Sie waren Begegnungen, die jeder Mensch irgendwann macht. Er hatte ihnen nur Gesichter gegeben.
Plötzlich verstand ich auch, warum sie sich nie für mich entschieden. Sie nahmen mir keine Entscheidungen ab. Sie gingen ein Stück mit mir. Mehr nicht.
Denn niemand kann den Weg eines anderen gehen.
Manchmal fragte ich mich, ob der Mann wusste, wie viel von ihm in meiner Welt steckte. Nicht in meinen Worten. Nicht in meinem Gesicht. Sondern in meiner Haltung.
Immer wenn ich stolperte und wieder aufstand, erkannte ich ihn. Immer wenn ich etwas nicht verstand und trotzdem weiterfragte, erkannte ich ihn. Immer wenn ich einen neuen Weg suchte, statt stehen zu bleiben, erkannte ich ihn.
Vielleicht erschaffen wir Geschichten nie ganz allein. Vielleicht hinterlassen wir in jeder Figur unbemerkt einen Teil von uns selbst.
Eines Tages lag das erste fertige Kapitel vor ihm. Er blätterte langsam hindurch. Nicht wie jemand, der sein Werk bewundert. Sondern wie jemand, der etwas sucht.
Er fand einen Satz. Änderte ihn. Dann einen zweiten. Dann einen dritten.
Ich musste lachen. Nicht laut. Nur für mich.
Selbst jetzt, wo alles schon gut war, glaubte er immer noch, dass es besser werden konnte.
Früher hätte ich gedacht, das sei Unzufriedenheit.
Heute weiß ich, dass es Liebe war.
Wer etwas liebt, hört nicht auf, sich darum zu kümmern.
Je größer meine Welt wurde, desto häufiger fragte ich mich, ob Menschen später überhaupt bemerken würden, was sie in den Händen hielten.
Sie würden einen Jungen sehen. Einen Garten. Einen Apfelbaum. Ein paar seltsame Begleiter. Sie würden lächeln. Vielleicht würden manche Kinder lachen. Vielleicht würden Erwachsene denken, es sei nur eine Geschichte zum Vorlesen.
Und doch hoffte ich, dass einige von ihnen zwischen den Zeilen etwas entdecken würden.
Dass sie spüren würden, dass jede Begegnung in meiner Welt auch eine Begegnung mit sich selbst sein kann.
Dass die Vergangenheit nicht nur hinter ihnen liegt. Dass die Zukunft nicht davonläuft. Dass Zeit manchmal einen Kakao trinkt. Dass das innere Licht nie wirklich ausgeht. Und dass Mut oft viel leiser ist, als wir glauben.
Ich glaube, das ist das Schönste an Geschichten.
Sie geben keine Antworten.
Sie halten uns nur einen Spiegel hin.
Manche erkennen darin einen Jungen. Andere erkennen sich selbst.
Und vielleicht gibt es auch Menschen, die darin einen Mann sehen, der nie aufgehört hat, nach einem Weg zu suchen.
Nicht, weil er wusste, wohin er wollte. Sondern weil er tief in sich davon überzeugt war, dass es immer einen nächsten Schritt gibt. Auch wenn man ihn noch nicht sehen kann.
Vielleicht beginnt genau dort jede gute Geschichte.
Und vielleicht ... begann dort auch meine.
Doch wenn ich heute zurückblicke, glaube ich, dass ich mich in einem Punkt geirrt habe.
Lange dachte ich, der Mann hätte mich gesucht.
Heute glaube ich, dass wir uns gegenseitig gefunden haben.
Denn während er Zeile für Zeile an meiner Welt arbeitete, veränderte sich auch seine eigene.
Nicht auf einmal. Nicht mit einem großen Ereignis. Sondern ganz langsam. So langsam, dass man es erst bemerkt, wenn man sich viele Schritte später noch einmal umdreht.
Ich erinnere mich an die Nächte. Nicht, weil ich dort schon durch den Garten laufen konnte. Sondern weil ich das leise Klicken der Tastatur hörte.
Manchmal blieb sie lange still. Dann folgten plötzlich viele Tasten hintereinander. Als hätte sich ein Gedanke endlich entschieden, den Weg nach draußen zu finden.
Oft wurde wieder gelöscht. Ein Satz. Ein Absatz. Manchmal eine ganze Seite.
Früher hätte ich gedacht, das sei verlorene Zeit. Heute weiß ich: Nichts davon war verloren.
Auch die Sätze, die niemand jemals lesen wird, haben mich mit erschaffen.
Es gab Tage, da sah der Mann müde aus. Nicht körperlich. Anders. Als würde er gleichzeitig in zwei Welten leben.
In der einen musste der Alltag funktionieren. Arbeit. Pflichten. Termine.
In der anderen wartete ich. Still. Geduldig.
Und obwohl diese zweite Welt niemand sehen konnte, schenkte er ihr immer wieder Zeit. Vielleicht nicht jeden Tag. Vielleicht manchmal nur eine Stunde. Vielleicht nur einen einzigen Gedanken.
Aber er kam immer wieder zurück.
Nicht zu einem Projekt.
Zu einer Welt.
Irgendwann bemerkte ich etwas Merkwürdiges.
Je genauer der Mann mich zeichnete, desto weniger zeichnete er einfach nur einen Jungen.
Er begann darauf zu achten, wie ich schaute. Wie ich stand. Wie ich eine Tasse hielt. Wie groß ich im Vergleich zu den anderen war. Wie das Licht auf den nassen Rasen fiel. Wie sich eine Regenpfütze am Boden ausbreitete.
Ich verstand das zunächst nicht. Wer würde so etwas später überhaupt bemerken?
Heute kenne ich die Antwort.
Fast niemand.
Und genau deshalb war es wichtig.
Liebe zeigt sich selten in den Dingen, die jeder sieht. Sie zeigt sich in den kleinen Dingen, die auch dann noch sorgfältig gemacht werden, wenn wahrscheinlich niemand bemerkt hätte, dass sie anders sind.
Manchmal musste ich über den Mann schmunzeln. Er konnte sich stundenlang mit einer einzigen Kleinigkeit beschäftigen.
Ein Blick. Ein Schatten. Ein paar Zentimeter. Eine Figur, die ein kleines Stück zu groß war. Ein Blatt, das nicht so fiel, wie es fallen sollte.
Ich dachte oft: „Jetzt lass es doch einfach so.“
Doch er ließ es nie einfach so. Nicht aus Sturheit. Sondern weil jede Kleinigkeit Teil einer größeren Wahrheit war.
Es dauerte lange, bis ich begriff, dass der Mann gar kein Buch machte.
Ein Buch kann man zuklappen.
Eine Welt nicht.
Eine Welt wächst. Mit jeder Idee. Mit jedem neuen Begleiter. Mit jeder Geschichte.
Vielleicht werden irgendwann noch Menschen durch meinen Garten gehen, die heute noch gar nicht geboren sind.
Vielleicht wird irgendwann ein Kind unter einem Apfelbaum sitzen und denken: „So fühle ich mich auch.“
Wenn das passiert ... dann hat sich jede einzelne Suche gelohnt.
Und manchmal frage ich mich, ob der Mann ahnt, dass er mir etwas geschenkt hat, das man nicht kaufen kann.
Keine perfekte Welt. Eine echte.
Eine Welt, in der Regen dazugehört. In der Abschiede wehtun. In der Fragen erlaubt sind. In der niemand sagt: „Stell dich nicht so an.“
Sondern jeder Begleiter auf seine eigene Weise sagt: „Komm. Ich gehe ein Stück mit dir.“
Vielleicht brauchen Kinder genau das. Vielleicht brauchen Erwachsene es manchmal sogar noch viel mehr.
Deshalb erzähle ich dir das alles. Nicht, damit du den Mann bewunderst. Das würde ihm wahrscheinlich sogar unangenehm sein.
Ich erzähle es dir, weil ich hoffe, dass du beim Lesen etwas erkennst.
Nicht ihn. Dich.
Vielleicht gibt es in deinem Leben auch ein Haus, das längst nicht mehr dein Zuhause ist. Vielleicht trägst du Erinnerungen mit dir, die schwer geworden sind. Vielleicht sitzt irgendwo in dir eine Geschichte, von der du glaubst, dass sie nie erzählt wird.
Falls das so ist, dann glaube mir:
Geschichten verschwinden nicht.
Sie warten.
Still. Geduldig. Bis jemand bereit ist, nach ihnen zu suchen.
So, wie der Mann nach mir gesucht hat.
Oder vielleicht ... wie ich die ganze Zeit nach ihm.
Denn am Ende weiß ich gar nicht mehr, wer von uns beiden den ersten Schritt gemacht hat.
Ich weiß nur, dass wir uns begegnet sind.
Und manchmal reicht genau das aus, damit eine ganze Welt entstehen kann.
Aus einer Idee wurde Pauls Welt.


Und irgendwann war er da.